Refresh.
Screams.

Miststück.
Lyrical I.
Ausschnitte: Schattenwelten.

Design.
"Wieviele?"

Sie. Eine Jungfrau in der Abenddämmerung. Eigentlich eine Hure im Mondschein. Alles andere als brav und rein. Doch was den Biss eines Vampires angeht, war sie eines der unerfahrensten Wesen, das es in jener Nacht auf der Straße hätte geben können.

Seit Jahren schon verkaufte sie ihren Körper, als wäre dieser besonders viel wert, ein Schatz, der Ausdruck puren Reichtums. Doch er war eher eine Bestätigung für die Absurdität des Lebens. All die reichen Männer und jene, die sich für reich hielten, die ihre Frauen und Familien hintergingen, das Geld versoffen und schließlich ihren Abend mit lautem Stöhnen in ihr ausklingen ließen.

Seit sie 16 Jahre alt war. Jetzt war sie 21 und konnte sich ihren Traum noch immer nich erfüllen.

Sie wollte fort von hier. Weg von ihrem armseligen Leben. Weit weg von dem billigen Freudenmädchen, das sie heute war und dem unerwünschten Bauernmädchen, das sie damals war.

Sie war die Jüngste ihrer Geschwister. Zu allem Überfluss auch noch das einzige Mädchen. Sie kam als letzte und man behandelte sie wie das Letzte. Ob der anschließende Tod ihrer Mutter damit in Verbindung stand? Konnte man ihr einen Strick daraus drehen, dass ihr ausgerechnet nach ihrer Geburt das Leben genommen wurde? Selbst wenn nicht, so war sie immernoch das kleine Mädchen. Nichtsnutzig. Sie durfte nicht zur Schule, lernte weder Lesen noch Schreiben und konnte somit auch nur diesen Weg wählen. Jenen, in dem man keine Buchstaben braucht, um sich zu verständigen. Jenen, in dem man nur mit den Körpern spricht. Jenen, indem man mit einem einzigen geschulten Blick erkennt, wer sich heute nacht am Besten und am teuersten lesen lassen würde.

Kunde für Kunde fuhr sie mit ihren kalten Händen mechanisch über die fremden Körper. Sie las in den sanften Stoffen der Anzüge, im weichen Fell der Umhänge und auch Eheringe ertastete sie – nichts entging ihr. Doch an manchen Abende entging ihren Freiern etwas, abgesehen von den tiefen Seufzern. Was wohl sein Weib sagen wird, wenn sein Ehering fehlt? ... Und obwohl ihre flüchtigen Begegnungen selten mehr als das Wort „Wieviel?“ beinhalteten, hätte sie zu jedem Einzelnen einen Lebenslauf erstellen können. Wenn sie es könnte. Wenn es ihr etwas nutzte. Tat es nicht. Doch sie schwor sich, sich jedes einzelne gottverdammte Gesicht einzuprägen. Jedes strafende Gelächter und jede Narbe an ihren Körpern. Eines Tages, so hoffte sie seit 5 quälenden Jahren, eingepfercht zwischen kalten Mauren und schwitzenden Männern, wird sie die Chance zur Rache bekommen. Dem war sie sich sicher.

Das einzige unsichere an ihrem Racheplan war – neben dem wann und wie – das „An wem“? Sollte sie wirklich jeden ihrer Freier aufsuchen, die Herzensbrecherin spielen? Oder nur dem Einen, der sie ohne Liebe verführte. Der ihr das Herz brach in dieser lauen Sommernacht, kurz bervor sie den Hof verließ. Wie konnte sie so dumm gewesen sein, fragte sie sich noch heute. Ein schöner Jüngling aus dem Mittelstand. Sie trafen sich abends, fast jeden Abend. Anfangs nur selten, dann immer häufiger, bis es zu einem abendlichen Ritual wurde. Und das schien genau seinem Plan zu gleichen. Es vergingen grade Mal 3 Monate zwischen dem ersten und dem letzten ihrer gesprochenen Worte. Am selben Tag, an dem sie 16 Jahre alt wurde, raubte er ihr die Unschuld. Im Mondschein, romantisch. Ja, es war perfekt. Sie musste über sich selbst lachen, dass sie das was geschah, noch immer mit „perfekt“ titulierte. Immerhin nahm er sie. Erst als er fertig war, ließ er sie fallen und keuchte lachend ihre Zukunft in ihr rechtes Ohr. „Du Hure.“

Am nächsten morgen brach sie auf und begann ihr neues Leben. Als Hure, die Nacht für Nacht im Mondschein von Männern verführt wird. Nur diese musste bezahlen. Eines Tages wird auch er dafür bezahlen, beschloss sie, plötzlich sicher, ihre Pläne gut durchdacht zu haben.

Sich selbst aus ihren Gedanken reißend, machte sie sich bewusst, dass es Zeit war weiter zu arbeiten. Immerhin war sie nicht zum Spaß hier – das war nur die zahlende Kundschaft.

Sie ließ ihren Blick schweifen. Recht wenig los an diesem Abend. Viele dieser Männer kannte sie längst. In und auswendig. Sie waren Wiederholungstäter. Einmal die Süße der verbotenen Frucht geschmeckt, wollten sie mehr und mehr davon. Und jene, die am Häufigsten kamen, waren fast so großzügig, wie die, die zum ersten Mal naschten.

Noch im Gedanken blieb ihr Blick an einem Fremden hängen. Düstere Gestalt, ein Edelmann? Sie war unsicher und das war sie nicht gewohnt. Wenn sie schon nicht viel konnte, dann doch immer hin das hier. Sie versuchte ihn nochmals zu deuten, einzuordnen. Wenn er arm sein würde, käme er nicht her, außer... außer für einen Mord. Aber hier, nein, das taten nur die Wenigsten. Es bestand also doch noch die Chance, dass er willig und reich war. Verführerisch wiegte sie ihr Becken, als sie auf ihn zu ging, ihn anlächelte und schneller als gedacht in der nächsten Gosse mit ihm verschwand.

Nie hatte sich nie verlesen, nie weniger bekommen, als sie verlangte und nur selten weniger geben können, als sie sollte. Bis in jener Nacht, als er sie sterben ließ. In ihm konnte sie nicht lesen.

Seine Haut schien nur eine leere Hülle zu sein, weder Herzschlag, noch Blut konnte sie ausmachen. Seine Augen wurde plötzlich dunkel, als er seine Lippen auf die ihren senkte und sich langsam an ihrer Kehle entlang einen Weg hinunter zu ihrem schmalen Hals suchte. Ein feiner Schmerz durchströmte plötzlich ihren Körper. Eine heiße Welle aus Angst und Hingabe. Nur einen Augenblick, einen winzigen Moment lang, konnte sie noch einen Augenkontakt wahrnehmen. Dann sackte sie zu Boden. Kreide bleich, dem Tod nahe. Wie durch eine dichte Mauer gesprochen vernahm sie seine Worte. „Trink.“ - nur ein einzelnes Wort. Wie jeder andere Dreckskerl dort draußen. Doch sie gehorchte. Unwissend, warum sie es tat. Doch nach dem ersten Schluck seines Blutes, fuhr in sie eine kalte Wärme. Sie spürte eine aufkommende Macht. So vertraut, wie die Macht, die sie als Herzensbrecherin besaß und doch so unbekannt wie die ferne Welt, die sie nie sehen würde.

Ein Gentleman, dachte sie benommen, doch ein Edelmann, führte sie ihren Gedanken fort, als er ihr auf die Beine half und seine spitzen Reißzähne fauchend presentierte. Doch in ihr war nun keine Furcht mehr. Jetzt stand sie dankend ihrem Schöpfer gegenüber der sie in eine neue Welt führte.

Fortan nahm sie nicht mehr nur das dreckige Geld als Lohn, sondern auch das veruchte Blut ihrer Peiniger. Mit jeder Nacht wurde sie sich ihrer Macht bewusster. Tot fühlte sie sich lebendiger, als sie lebend je gewesen war. Er hatte sie bewusst auserwählt. Er hatte sie 5 Jahre lang begleitet und 21 jahre lang beobachtet. Nur ein Wimpernschlag in seiner 500-jährigen Existenz. Er war es, der ihr die Mutter raubte. Und er war es, der ihr nun die Macht gab, dem Jüngling Dank zu zollen, der sie als Hure beschimpfte.

Für ihn war sie nicht das billige Mädchen am Straßenrand und auch nicht das naive Bauernkind. Für ihn war sie unbezahlbar. Sein totes Herz schlug für sie, nachdem sie 1 jahr lang Seite an Seite jagten. Gemeinsam.

Er lies sie gehen, für eine Nacht zurückkehren, an jenen Ort, wo es begann. Natürlich fand sie ihren ersten Peiniger auf anhieb. Sie roch ihn. Sein Blut, seinenen Schweiß, seine Grausamkeit. Hörte sein Herz pochen, als er wieder ein armes Mädchen verführte. Es sollte seine letzte gewesen sein. Denn als er sie gebrochen in der feuchten Wiese zurück ließ, stellte sie sich ihm als Hure der Nacht in den Weg.


Bevor sie ihm den letzten Tropfen Blut raubte, hauchte sie fauchend „Wieviele?“ an seinem rechten Ohr vorbei in die Nacht hinein und floh daraufhin gemeinsam mit ihrem Edelmann in die Unsterblichkeit.

16.11.08 07:42
 


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